Leseproben

"Die Würfelreise"

SAMSTAG

Mit dem Zufall eingelassen hat sich, mit in ein Spiel geschlittert ist, mit auf eine Reise genommen wird, - wer hier weiterliest. Ich sitze in dieser Nacht an diesem Schreibtisch und schreibe eine Reise mit ungewissem Ausgang und unvorhersagbaren Begegnungen. Damit alles ein Bisschen rätselhaft zugeht, haben manche Orte keine realen Namen; denn wer sich in ihnen aufgehalten hat, wird sie ohnehin erkennen. Ich beginne. Ich nehme also das Antriebsmoment, den für meine Hand viel zu großen Würfel, vom Bücherregal und werfe ihn über den orange-melierten Teppichboden. Im Traum heute Nacht war das anders: Verschiedene undefinierbare Verbrecher waren hinter mir her. Wie in „Charade“, dem Film, den ich am Abend vorher gesehen hatte. Die wollten mich stellen. Völlig außer Atem blieb ich stehen, in einem Wohnzimmer, das ich nicht kenne und das mir unangenehm war (Ich stand mit dem Rücken „zur Kamera“). Da fiel mir, aus der verborgenen Hand, ein kleiner Würfel nach rechts auf den hellen Teppich. Jeder wusste, unausgesprochen, darin befindet sich ein Diamant. Also noch einmal: Ich nehme den Würfel und werfe ihn über den orange-melierten Teppichboden...usw. Ich bin gespannt auf den ersten Wurf. Ich treffe die Wand und entscheide auf ungültig. Der neue Versuch lässt den Würfel ein Stück Weg stolpern, und als fast die Sechsaugen-Formation oben liegt, springt er auseinander – und ist Schnack, der Fahrplancomputer, drei Displays mit weitreichenden Informationen. Indem ich mir damit vor einem imaginären Regelgremium die Fahrkarte erkaufe, verlasse ich als EINER das Haus, indem ich diese Reise schreibe, im Schutz von Kaspar, Melchior und Balthasar.

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EINER geht auf und ab, es ist noch kalt. Ein Wind kommt weckend vorbei. Auf der gegenüberliegenden Seite ist dem Abbruch einer Kinderschuhfabrik vorübergehend Einhalt geboten. Blick verwehrend breitet sich Reklame auf Bretterwänden, politische Parolen tristen das Straßenbild. EINER sucht Lesestoff. Seine Augen erspähen auf einem Abfalleimer an der Haltestellenstange eine technische Zeitschrift. Irgendjemand hat sie achtlos weggeworfen, aber er kommt in den Stoff nicht hinein, Fachausdrücke sperren ihm den Zugang zum Inhalt. Deshalb zückt er das Multinoz und vermerkt: „Fremdwörterlexikon entwickeln; keine Erklärungen, aber das Stichwort im Titel. Bedeutung aus hintereinander gestellten Textstücken verschiedener Autoren. Auch Rätsel in Gedichtform möglich?“ Für die Zeitschrift findet er eine bessere Recyclingmöglichkeit; er reißt eine Hochglanzseite aus dem Heft und beginnt, um sich vom Frösteln abzulenken, mit einer Faltarbeit am Rolladen des Kiosks. Und unvermittelt beginnt das Spiel mit dem Unterbewussten: Die hohe Birke am Labortrakt der alten Oberschule seiner Heimatstadt, der leichte Wurf der Papierschwalbe in die aufstrebende Windspirale; die Schwalbe, die sich fügsam hoch hinaufschraubt, und erst als sie Birken- und damit Gebäudehöhe erreicht hat, frei und gelassen in großer Abwärtsspirale langsam in den Schulhof zwischen Lehrerzimmer und Turnhalle schwebt. Aber EINER hält inne, dort, wo für die Schwalbe der Griff zum Abwurf entstanden wäre. Er legt die rechten Winkel der gleichschenkligen Dreiecke an die Mitte, klappt die oberen Spitzen um die Hälfte zurück und schiebt die nunmehr doppelten Dreiecke in die jeweiligen Taschen. Das Gleiche wiederholt er auf der Rückseite. Dann bläst er kräftig, was ihm bei dieser Witterung nur recht ist, vorn in das flache Modell hinein, das sich mühsam, aber immer mehr, aufbläht. Noch hat die Figur nicht die endgültige Gestalt angenommen, so dass er Kanten akzentuieren muss und setzen, wo sie fehlen. EINER ist mit dem Ergebnis zufrieden; was ihn bewegt, einen Filzstift aus der inneren Jackentasche zu nehmen und Verzierungen anzubringen: Auf jede quadratische Fläche zeichnet er kleine Kreise, die er sorgfältig ausfüllt. Und nun wird die Arbeit ausprobiert! EINER begibt sich auf den Parkplatz hinter dem Kiosk und wirft die Figur gegen den Wind. Prompt erntet er den Sturm; die Figur wird über seinen Kopf geblasen.

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Die zwei größeren Hefte unterscheiden sich schon äußerlich. Das eine, ein Reisemagazin, zeigt auf dem Titelbild einen kostbar ausgestatteten Wandelgang in einen chinesischen Palast, mit beidseitigem Mäandermuster und unterschiedlichen Bilddarstellungen in der Mitte. Auf dem Gehteil ist eingedruckt: „Neues Ziel: Peking. Archäologie: Funde unter Wasser. Fliegen: Im einundzwanzigsten Jahrhundert.“ Das andere Heft ist in schlichtes orangefarbenes Einbindpapier gebunden. EINER schlägt es auf. Auf dem inneren Titelblatt: eine üppige, nicht mehr ganz junge Frau, blond und in schwarzer Reizwäsche lässig und herausfordernd auf einem Barhocker. Über ihr der Name des Autors Rumpelstilz Flöttner, dann der Titel: „Rebekkas Striptease, Limericks für fünfzehn Textilien und Requisiten“. EINER stutzt. Rebekkas Striptease?! Aber das ist nicht seine Frau, die er da sieht. Er räuspert sich, blickt noch einmal in die Runde; außer einem schwarzweißen überernährten Kater, der etwa hundert Meter weiter um die Ecke verschwindet, sieht er niemanden. Er beginnt zu lesen:
Ich kenne ein Weibsbild vom Neckar, das hört auf den Namen Rebekka und zeigt – gar nicht mies - , einen Superstriptease; kein Wunder: Ich bin der Entdeckar. Da steht sie, die wohlgeformt Kühne, sehr sinnlich auf stockdunkler Bühne, auch im Zuschauerraum sieht man Zuschauer kaum, außer mir, dem Bekannten der „Biene“. Ihr Freund, beruflich Beleuchter, sieht jetzt diese Frau schon viel leichter und strahlt lotrecht genau auf das Weib sehr viel Blau. Eins weiß sie: Beim Haartrick, da keucht er! Sie startet mit List und Gefühl im Cape und mit Fächer voll Stil. In Fledermaus-Maske (erkennt sie kein Baske), auch Handschuhe, lang, sind noch mit im Spiel.
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Wieder entsteht eine Pause, wieder das Husten im Publikum, dann die Frauenstimme: „Es war der Urenkel.“ Der Moderator zustimmend: „Es war der Urenkel von Ludwig dem Vierzehnten! Damit steht es drei zu drei.“ Längerer Beifall. Dann der Moderator: „Jetzt holen wir den dicken, grünen Würfel!“ Hebbel fällt EINER ein: Alles Sprechen und Schreiben heißt Würfeln um den Gedanken; wie oft fällt nur ein Auge, wenn alle sechs fallen sollten. Der Moderator wiederholt: „Jetzt holen wir den dicken, grünen Würfel mit den weißen Augen“. Er lässt ihn sich von einer seiner Assistentinnen geben und sagt zu den Paaren, auf der Bühne: „Jetzt können Sie ja auch mit Recht sagen: Ich hab ja gar nicht verloren, mich haben Sie ´rausgeschmissen, mit dem Würfel. Sozusagen ´rausgewürfelt .... Jetzt machen wir es ganz raffiniert: Wer will denn würfeln von Ihnen? Wer will denn Schuld sein ...“ Eine der beiden Teilnehmerinnen lacht. „... am Glück. Oder am Unglück. S i e übernehmen wieder die Verantwortung? Da erkennt man eben den Landesbeamten. Er übernimmt die Verantwortung. Selbst beim Würfeln ....... Die Würfel sind noch nicht, aber gleich ... gleich ... gleich gefallen.“ Einige mehr oder weniger unterdrückte Jubellaute von Frauenstimmen dringen von unten zum Mikrofon. Der Moderator: „Zwei“ Und zum anderen männlichen Teilnehmer: „Wollen Sie auch die Verantwortung übernehmen?“ Während dieser zustimmt und mit dem Kopf nickt, holt sich EINER das Multinoz heraus und notiert die Zwei. Der Moderator beschreibt einen weiten Halbkreis mit dem Arm und sagt: „Platz ist genug .... Es gibt auch noch ne Eins. Aber auch ne Sechs, Sie haben vollkommen Recht, jawohl! ... ...und Hepp! ... Da kann man nichts machen, da kann man nichts machen!“ Der Moderator breitet bedauernd die Arme aus, aber das Publikum spendet dennoch anhaltenden Beifall. Der Moderator: „Da kann man gar nichts machen ... Gegen Sechs ... gegen Sechs ist man machtlos, nöcht?! Das ist ja ungeheuer!“ EINER notiert die Sechs. Die zweite Assistentin reicht dem Moderator zwei kleine Schatullen. Der Moderator tröstet das Verliererpaar. „Zwei Goldbarren.“ Er überreicht zuerst der Dame den Gewinn, dann dem Herrn: „... und auch für Sie.“ Zur Verliererin gewandt: „Kommen Sie gut heim nach Liechtenstein...“ Die Dame dankt. „... halte die Daumen für Ihr Theater!“ „Vielen Dank.“ Und zu dem Herrn sagt er: „Alles Gute in Kiel. Vielleicht treffen wir uns dann ... ja?! ...“ Der Moderator beschließt die Spielrunde: „Danke schön, bitte nehmen Sie Platz.“ Während EINER dem Wirt ein Zeichen gibt, weil er bezahlen will, zieht der Moderator aus seinem Jackett andere Papiere und wendet sich an das übrig gebliebene Paar: „Darf ich Sie bitten?! ... Aber wenn man ne Sechs würfelt, dann ist das ja ... nich?! ::: Gegen Sechs ist wohl jeder machtlos. – So!“ Er spricht die Endrundenteilnehmerin an: „Wollen S i e den Anfang machen, oder soll er? Sie haben die freie Wahl. Sie können auch sagen, Sie möchten erst als Zweite kommen. ... oder möchten Sie gleich?“ Die Dame, mit Akzent: „Mir ist das egal.“ „Darf ich Sie dann ... darf ich Sie dann bitten? Ja.“ Der Wirt kommt, nennt den Betrag, stellt die übliche Frage. EINER zahlt und dankt. Der Moderator führt die Dame über die Stufen einer Treppe auf ein thronartiges Podest. „Na, das wird schon klappen .... So jetzt gehe ich mal mit rauf.“ EINER steht auf, greift sich den Parka und zieht ihn an, während der Moderator sagt: „Bitte schön, nehmen Sie Platz ...so! Jetzt geht´s los! Ich lese das wörtlich vor. Ich könnte das auch noch auswendig lernen, aber bei solchen Fragen .... Wie nennen die Japaner...“

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IM HINTERGRUND EIN SCHNELLZUG – STOP – LAUTLOS NACH RECHTS – STOP – HOCH DARÜBER VIER HEISSLUFTBALLONS – STOP – GETUCKER LINIENSCHIFF VON HINTEN LINKS – STOP – NÄHERT SICH – STOP – NACH VORN RECHTS – STOP – LEGT AN – STOP – IM VORDERGRUND TIERE AM SEE – STOP – MÖWEN BLESSHÜHNER STOCKENTEN SCHWÄNE – STOP – SCHWÄNE PUTZEN SICH – STOP – ZWEI – STOP – ODER SCHWIMMEN SPAZIEREN – STOP – DREI – STOP – EINER HAT DIE RUHE WEG – STOP – NUMMER SECHS – STOP – LENKT LÄSSIG VON RECHTS NACH LINKS – STOP – MIT HINTEREM BEIN – STOP – HÄLT VORDERES HOCH – STOP – UND WAAGERECHT – STOP – STELLT FUSS SEITLICH SENKRECHT – STOP – UND WEDELT – STOP – MANCHMAL – STOP – BLESSHÜHNER FLITZEN – STOP – AUF WELLEN – STOP – KÖW KÖW – STOP – PIX – STOP – STOCKENTEN SCHWIMMEN STEIF – STOP – UNORTHODOX – STOP – QUAAKQUAKWAK – STOP - IN DER LUFT MÖWEN – STOP – ELEGANTE FLUGAKROBATEN – STOP – EINE LANDET STOP – AUF EINEM SCHWAN – STOP – UND NIMMT IHN ALS TAXI – STOP – ÜBER FÜNF BIS SECHS METER – STOP –

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Auf dem Rückweg nimmt er junge Ahornbäume wahr und Vögel, die rasch mal zur Fahrbahn fliegen, sich dort etwas Fressbares aufpicken, um dann wieder in den Bäumen zu landen. Bis auf eine Saatkrähe, die sich benimmt, als gehöre ihr die Straße allein. Sie stolziert behäbig in Fahrtrichtung und lässt sich dabei nicht aus der Ruhe bringen. Bis eine ganze Familie auf Inline–Scates um die Ecke kommt, die auf der linken Parkplatzseite auf einen schwarzen PKW zusteuert. Der junge Vater schließt die Autotür auf, legt den Schlüsselbund in die Mitte des Daches, und sagt: „Ihr braucht ihn sicher für die Heckklappe“, öffnet die Tür und setzt sich seitlich in den Sitz, um die Schuhe zu wechseln und die Ausstattung abzulegen. Auch die anderen Familienmitglieder, Mutter, zwei jüngere Söhne und eine ältere Tochter, sind vorschriftsmäßig ausgerüstet. Das kann EINER im Näherkommen sehen. Und als die circa fünfzehnjährige Tochter nach dem Schlüssel mit dem Würfel als Anhänger greift, muss EINER ach ja, an die Sommerszene mit seiner Tochter beim Brettspiel im Garten denken. Dort nämlich zeigte sie eine ganz besondere „Begabung“. „Papa, jetzt würfele ich eine ´Vier`.“ Und die Vier fiel. „Und jetzt eine ´Zwei`.“ Und die Zwei fiel. „Und jetzt brauche ich eine ´Fünf`.“ Und die Fünf fiel. „Und nun bin ich im Haus und habe gewonnen.“ Und seine Tochter lachte schelmisch.

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Man muß bei diesem Text berücksichtigen, daß obige Manuskriptstellen nur einzelnen Aspekte des Buches aufzeigen. Seine Struktur kann man sich eher als Lauf über Steine in einem Bach vorstellen; mit jedem Tritt erlebt man etwas Neues; am Schluß "steht" man plötzlich vor dem Ereignis.